Integrationskurs_4Teil 1: Bürokratie

In der dritten Änderung der Integrationskursverordnung sieht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vor, dass zum Kurs verpflichtete Teilnehmende nur noch in Ausnahmefällen ihren Kursträger wechseln können sollen. Als berechtigter Grund gilt etwa Umzug, veränderte Arbeitszeiten oder Änderungen in der Kinderbetreuung. Begründung: „Ein Kursträgerwechsel kann den Integrationsprozess verzögern“ (1).

Fragt sich nur: Ist das nicht gerade unser geringstes Problem?
Wir haben bei Menschen in der Praxis nachgefragt, was sie von der neuen Regelung halten. Heide (2) arbeitet in einer kommunalen Beratungsstelle und berichtet uns folgendes:

„Als ich diesen Satz las – „Trägerwechsel können den Integrationsprozess verzögern“ – musste ich einfach nur lachen. Trägerwechsel kommen im Einzelfall durchaus vor und ja, natürlich entstehen dadurch auch mal Wartezeiten. Viel gewichtiger aber sind bürokratische Hürden: Sie betreffen eine weit größere Zahl von Personen und führen zu viel dramatischeren Wartezeiten.

Kostbares Papier

Gerade Flüchtlinge erhalten nun einmal Unmengen an Papier, dessen Bedeutung sie meist nicht richtig einschätzen können. Zudem müssen sie häufig umziehen. Unter diesen Umständen sind die von der Ausländerbehörde ausgestellten Verpflichtungen zur Teilnahme am Integrationskurs dann doch öfter mal verschollen. Auch wenn theoretisch die Personenkennziffer zur Anmeldung genügen sollte: Viele Träger bestehen auf eine Vorlage der Verpflichtung in Papierform. Warum das so ist, weiß ich nicht; vermutlich haben sie schlechte Erfahrungen gemacht.

Dieses Thema hat sehr viele meiner Kunden betroffen, bei manchen lief alles glimpflich, bei anderen gab es Probleme. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein sehr junger Syrer, der eines Tages bei mir stand und mir auf Englisch erklärte, er habe keine „Verpflichtung zur Teilnahme am Integrationskurs“. Nun kann man ja für alles einen Ersatz anfordern: für vergessene Passwörter, verlorene Bankkarten, selbst für verlorene Schlüssel gibt es eine Lösung. Aber wehe, die Verpflichtung geht verloren! Die Träger, Ausländerbehörde und auch unsere Beratungsstelle waren zu diesem Zeitpunkt komplett überlastet, das BAMF nur schwer erreichbar. Mein Kunde lief also erst einmal einige Wochen lang quer durch die Stadt von A nach B. Mehrfach kam er zu mir zurück, um mir den aktuellen Stand zu berichten und sich Hilfe zu holen. Zwischendrin wurde er depressiv und meinte, er will gar nicht mehr in den Kurs, das sei ihm jetzt alles egal. Aber schließlich hielt er dann doch noch die Kopie des kostbaren Dokuments in den Händen. Er kam ein letztes Mal zu mir und bedankte sich: Auf Deutsch, denn in den Warteschlangen und an den Schaltern hatte er mittlerweile ganz ohne Integrationskurs Deutsch gelernt.

Wiederholerzulassungen: Eine standardmäßige Warteschleife

Unbegreiflich bleibt mir das Prozedere mit Kurswiederholern. Die Kursteilnehmenden sollen zunächst 600 Stunden absolvieren, dann eine Prüfung schreiben und auf das Ergebnis warten. Liegt dann ein Ergebnis unter B1 vor, so muss der Teilnehmende einen Antrag auf Wiederholung stellen und wiederum auf die Wiederholerzulassung warten – die Bearbeitungsdauer variiert je nach Verfassung des BAMF, kann aber durchaus sechs Wochen dauern. Erst dann sucht sich der Kunde einen Kurs (oder wird von mir vermittelt) und kann sich anmelden. Von der Prüfung bis zum Wiederholerkurs geht also selbst im besten Fall eine Menge Zeit ins Land. Und während verlorene Dokumente oder ein Kursträgerwechsel Abweichungen vom normalen Prozedere darstellen, sind Wiederholerzulassungen standardmäßig vorgesehen: Eine kalkulierte Warteschleife also.

Auch hier gibt es wiederum dramatische Fälle, in denen die potenziellen Kursteilnehmenden bereits Monate auf ihren Bescheid warten, bis sie bei mir in der Beratung sitzen und ich herausfinde: Der Antrag ging beim BAMF gar nicht ein, oder aber das BAMF hatte die Zulassung schon längst abgeschickt, die offenbar in der Post verloren ging. Dazu muss man bedenken, dass ein Antrag auch schnell mal an die falsche Adresse gehen kann, denn wohlmeinende Ehrenamtliche haben auch als Muttersprachler ihre liebe Not, das System bei den Integrationskursen zu durchblicken.

Warum ein gesonderter Wiederholerantrag notwendig ist, ist mir schleierhaft: Das BAMF trägt die Prüfungsergebnisse in sein System ein, warum wird nicht bei jedem Prüfungsergebnis unter B1 automatisch eine Wiederholerzulassung an den Kunden verschickt? Oder die Antragstellung könnte wenigstens auf elektronischem Wege erfolgen, inklusive Eingangsbestätigung. Im Jahr 2017 sollte das möglich sein.

Fazit

Insgesamt ist meine Erfahrung, dass auf der einen Seite viele Kontrollen aufgebaut werden, auf der anderen Seite dann aber niemand das Personal einstellen möchte, welches diese Kontrollen auch zügig durchführt. Einerseits wird von den Kursteilnehmenden erwartet, dass sie schnell Deutsch lernen, andererseits können nur ausgewählte Beratungsstellen das „Sesam öffne dich“ für den Deutschkurs aussprechen. Eine Vereinfachung der Bürokratie würde uns allen zugute kommen: Lehrkräfte müssten in ihren Pausen nur noch halb so viele Fragen beantworten und halb so viele Listen führen, Beratungsstellen und Kursträger würden entlastet und nicht zuletzt auch das BAMF selbst. Und schließlich würden die Menschen in die Lage versetzt werden, ihre Probleme im Zweifelsfall auch selbst zu lösen, ohne erst einen „Magier“ aufzusuchen.

In meiner Beratungspraxis beansprucht der „Papierkrieg“ etwa 50% meiner Energie, die andere Hälfte verwende ich auf das, worum es eigentlich geht: Was ist das für ein Mensch, der da vor mir sitzt? Was bringt er mit? Und in welchem Kurs ist er mit seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen dann am besten aufgehoben? Und je besser ich diesen Teil der Beratung durchführen darf, desto geringer wird auch der Anteil der Kurswechsel ausfallen.“

Was verzögert oder verhindert Integration wirklich? Welche Rolle spielen Kurswechsel in deinem Berufsalltag? Schreib uns deine Geschichte an: info@kreidefresser.org. Auf Wunsch anonymisieren wir deinen Beitrag.

(1) Die Verordnung im Wortlaut:

Ein Kursträgerwechsel kann den Integrationsprozess verzögern. Er sollte daher nur im Ausnahmefall erfolgen. Bisher war der Wechsel eines Kursträgers nach einem Kursabschnitt ohne Einschränkungen nach Belieben des Teilnehmers möglich. Künftig ist ein Kursträgerwechsel nur noch in bestimmten Fällen zulässig, die beispielhaft und nicht abschließend im § 14 Abs. 4 genannt sind (Umzug, Wechsel zwischen Teilzeit- und Vollzeitkurs, Ermöglichung der Kinderbetreuung oder zur Aufnahme einer Ausbildung oder Erwerbstätigkeit). Liegt einer dieser Gründe oder ein vergleichbarer anderer Grund für den Wechselwunsch eines Teilnehmers nicht vor, so ist der Kursträger berechtigt, die Herausgabe des Berechtigungsscheins zu verweigern. Bei Meinungsverschiedenheiten über die Zulässigkeit eines Wechsels hat der Träger die zuständige Regionalstelle des Bundesamtes zu beteiligen.“

(2) Name geändert

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