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Was bisher geschah:

Die Lehrbeauftragten der Universität Göttingen haben mit ihrer beeindruckenden Protest- und Unterschriftenaktion vor der Uni-Verwaltung im Mai 2017 für Aufsehen gesorgt.
Berichte: Göttinger Tageblatt, die Hessische Niedersächsische Allgemeine und das Stadtradio Göttingen.
Die Petition: „Verbesserung des Status der Lehrbeauftragten der Universität Göttingen jetzt sofort!“

Der aktuelle Stand der Dinge:

1. Kampf für angemessene Arbeitsbedingungen für Lehrbeauftragte:
2017 fanden drei Treffen mit der Uni-Präsidentin und ihrem Team statt. Beim letzten Treffen eröffnete uns die Präsidentin, dass unser Honorar pro geleistete Unterrichtsstunde von 27 auf 32 Euro erhöht wird, wobei weiterhin Klausurkorrekturen sowie Vor- und Nacharbeiten NICHT honoriert würden.

Das Präsidium etablierte dann eine „Richtlinien-AG“, in der die Arbeitsbedingungen der Lehrbeauftragten an der Uni Göttingen festgeschrieben werden sollten. Dazu wurde die Initiative eingeladen, mit einer Person an der AG teilzunehmen. Auch ein Vertreter des AStA wurde eingeladen. Nach einmaliger Teilnahme reagierte die Lehrauftragten-Initiative mit diesem Schreiben an das Präsidium:

Die Lehr­be­auf­trag­ten der Uni­ver­si­tät bedan­ken sich, dass sie vom Prä­si­dium ange­hört wur­den. Sie leh­nen zugleich die Ent­schlüsse über die zukünf­tige Höhe der Hono­rie­rung sowie die Fest­schrei­bung der recht­lo­sen Situ­a­tion der Lehr­be­auf­trag­ten in der zur Zeit ent­wi­ckel­ten Rah­men-Richt­li­nie zur Ertei­lung und Qua­li­täts­si­che­rung von Lehr­auf­trä­gen auf das Ent­schie­denste ab.

Wie dem Prä­si­dium bekannt ist, profi­tiert die Uni­ver­si­tät von jeder Unter­richts­ein­heit, die sie an Lehr­be­auf­tragte dele­giert – ob sie dafür nun 27 Euro oder 32 Euro pro Unter­richts­ein­heit inklu­sive aller damit ver­bun­de­nen Tätig­kei­ten zahlt – mit rund 100,00 Euro. Denn die­ses Mehr an Ent­loh­nung müsste die Uni­ver­si­tät im Arbeit­ge­ber­brutto für eine ange­stellte Kraft mit ver­gleich­ba­rer Tätig­keit für eine Unter­richts­stunde und alle damit ver­bun­de­nen Leis­tun­gen zah­len.

Dem Prä­si­dium ist wei­ter­hin bekannt, dass Lehr­auf­träge ohne arbeit­ge­be­ri­sche Ver­ant­wor­tung und Verb­ind­lich­keit gestal­tet sind.

Die Lehr­be­auf­trag­ten dis­tan­zie­ren sich nach­drück­lich von der Fest­schrei­bung die­ser Bedin­gun­gen in der Rah­men-Richt­li­nie. Sie sehen darin ebenso wie in der vor­ge­schla­ge­nen Honorar­höhe die Miss­ach­tung ihrer für die Uni­ver­si­tät unent­behr­li­chen Arbeits­leis­tung.

Dies spie­gelt sich auch in den dazu vor­ge­brach­ten Erklä­run­gen sei­tens der Uni­ver­si­tät: Uns gegen­über wurde wie­der­holt erklärt, als selbst­stän­dige Lehr­be­auf­tragte trü­gen wir ein „unter­neh­me­ri­sches Risiko“ und erzeug­ten durch die Annahme unter­be­zahl­ter Lehr­auf­träge ggf. ein „selbst­ver­schul­de­tes Pre­ka­riat“.

Wir ent­geg­nen:
Es sind die Ent­schei­dungs­trä­ger/innen an der Uni­ver­si­tät, die durch ihre Vor­ga­ben der­ar­tige pre­käre Arbeits­ver­hält­nisse über­haupt erst ermög­li­chen. Damit tra­gen sie prä­gend zu den in Lehr­be­trie­ben vor­herr­schen­den pre­kä­ren Beschäf­ti­gungs-Ver­hält­nis­sen bei, die nicht wenige Leh­rende – ins­be­son­dere im Bereich der Spra­chen­lehre – man­gels Alter­na­ti­ven zur Hinnahme zwin­gen. „In pub­lica com­moda“, der Leit­spruch im Leit­bild der Göt­tin­ger Uni­ver­si­tät, könnte hier nicht weni­ger zutref­fend sein: com­mod sind diese Bedin­gun­gen aus­schließ­lich für die Uni­ver­si­tät.

Die Ver­ant­wort­li­chen haben diese ihre Com­mo­di­tät in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten exten­siv genutzt,­ um Lehr-Eng­pässe in der grund­stän­di­gen Lehre und die Viel­falt des Lehr­an­ge­bots für die Uni­ver­si­tät höchst fle­xi­bel, höchst unver­bind­lich, höchst kos­ten­mi­ni­mal und dabei „her­vor­ra­gend“ in der Qua­li­tät (vgl. Leit­bild der Uni­ver­si­tät) zu gewähr­leis­ten. So wer­den bei­spiels­weise an der ZESS 70% der Lehre regelmäßig durch Lehrbeauftragte gesi­chert.­ Und obwohl die Verant­wortlichen bete­uern, Leh­rau­fträge dür­ften nur als zusät­zl­iches Leh­r­ang­ebot genutzt wer­den, wird anvi­siert, die­sen Umfang in Zukunft ledig­lich um 20% auf 50% ­de­s Lehr­an­ge­bots zu redu­zie­ren (vgl. Gleichstel­lungs­plan 2017-2023, ZESS).

Wir kön­nen in all dem kei­nen Wil­len zur Ver­bes­se­rung der Situ­a­tion der Lehr­be­auf­trag­ten an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen erken­nen. Wir sehen hier viel­mehr eine Kon­so­li­die­rung des unso­zi­a­len und voll­kom­men unter­be­zahl­ten Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses „Lehr­auf­trag“.

Wir for­dern die Ver­ant­wort­li­chen auf:
Ach­ten und wert­schät­zen Sie end­lich in ange­mes­se­ner Weise die Leis­tung, die durch Lehr­be­auf­tragte zum Wohl und Nut­zen der Uni­ver­si­tät erbracht wird und schaf­fen Sie Richt­li­nen und Hono­rare, die die­ser Leis­tung ent­spre­chen.

Dazu gehö­ren:
– Anglei­chung der Hono­rare an das Arbeit­ge­ber­brutto für fest­an­ge­stellte Leh­rende
– Regel­mä­ßige Erhö­hung der Hono­rare ent­spre­chend den Tarif­er­hö­hun­gen im öffent­li­chen Dienst
– Fahrt­kos­te­ner­stat­tung für externe Lehr­be­auf­tragte
– Aner­ken­nung der Lehr­be­auf­trag­ten als Beschäf­tigte der Uni­ver­si­tät:
        – Ver­tre­tung in der Orga­ni­sa­tion
        – Mit­ar­bei­ter­preise für die Mensa
        – Zugangsrechte zum Universitäts-Internet

2. Streichung von Lehraufträgen und Schlüsselqualifikations-Angeboten zum Sommersemester 2018:
Mit Ende der Vorlesungszeit 2017/18 erfuhren die Lehrbeauftragten der ZESS (Zentrale Einrichtung für Sprachen und Schlüsselqualifikationen), dass zum Sommersemester 2018 die ZESS 40% ihrer Kurse streichen wird. Als Begründung wird ein unausgeglichener Haushalt der Einrichtung in den vergangenen Jahren genannt, weswegen ab sofort jedes Jahr 100.000 Euro eingespart werden müssten.

Von dieser Streichung sind die Lehrbeauftragten massiv betroffen, denn sie decken in der ZESS 70% der Lehre ab. Kurse, die mit den Lehrbeauftragten für das kommende Semester bereits vereinbart waren, werden nun gestrichen.

Für viele Lehrbeauftragte ist diese unvermittelte Streichung ihrer Lehraufträge ein schwer zu kompensierender finanzieller Schlag.

Die Art und Weise, wie hier über Lehrbeauftragte verfügt wird, zeigt einmal mehr die Geringschätzung ihrer Arbeitsleistung, die sie – häufig seit Jahren – zuverlässig erbracht haben: die Leitung der ZESS hielt es nicht einmal für nötig, die Lehrbeauftragten über diese Entwicklung zu informieren und überlässt den Vollzug, also die konkrete Abwicklung der Angebote, den Koordinator/inn/en der jeweiligen SQ-Bereiche.

Für die Student/inn/en aller Fakultäten, die Leistungen im Bereich der Schlüssel­qualifi­kationen erbringen müssen, ergeben sich durch diese Reduzierung des ohnehin schon knappen SQ-Angebots an der ZESS eklatante Engpässe.

Wir halten all dieses für einen Skandal. Es kann und darf nicht sein, dass an der Universität Göttingen, die sich um Exzellenz bemüht, derart plan- und verantwortungslos mit Studierenden, Lehrenden und dem Studienangebot umgegangen wird.

Wir fordern die beteiligten Entscheider in diesem Konflikt auf, dieses Problem schnellstmöglich zu lösen, mindestens bis zum Semesterstart.

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